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Zwischen Inszenierung und Wirklichkeit: Storytelling auf dem Teller

  • susanneschiffauer
  • vor 15 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 12 Minuten

Manchmal tappt man selbst als Kommunikationsberaterin ziemlich verlässlich in genau die Falle, die man beruflich sonst so gern analysiert. In meinem Fall hieß die Falle Le Petit Chef und kam daher wie ein kleines Gesamtkunstwerk aus Instagram-Ästhetik, klugem Storytelling und dieser leisen Verheißung von „Das ist nicht einfach ein Abendessen, das ist ein Erlebnis“.


Die Bilder waren stark, die Videos charmant, die Location auf den Fotos elegant ausgeleuchtet, alles wirkte wie eine Mischung aus Fine Dining und liebevoll inszeniertem Theater. Kleine animierte Köche, die über den Tisch laufen, eine Geschichte, die sich Gang für Gang entfaltet, dazu der Eindruck, Teil von etwas Besonderem zu sein, das man nicht jeden Tag macht. Kurz gesagt: ein Paradebeispiel dafür, wie gutes Marketing Vorfreude erzeugt und Erwartungen so auflädt, dass man gedanklich schon drei Stufen höher einsteigt, bevor man überhaupt Platz genommen hat.


Ich hatte meine Mutter eingeladen, weil ich genau das wollte: einen besonderen Abend, der sich nach Anlass anfühlt. Und gleichzeitig wusste ich, dass ich mit ihr die entspannteste Begleitung der Welt habe. Sie bringt diese kölsche Frohnatur mit, die Dinge erst einmal so nimmt, wie sie sind, und sich selten lange damit aufhält, was hätte besser sein können. Das macht Unternehmungen mit ihr angenehm. Sie entlarvt Erlebnisse zwar, aber nicht mit bitterem Beigeschmack, sondern auf eine freundliche Art.


Vor Ort war dann tatsächlich vieles so, wie es das Marketing versprochen hatte, zumindest auf den ersten Blick. Die Projektionen waren niedlich, die Idee charmant, und man merkte, dass einige Gedanken in das visuelle Konzept geflossen waren. Gleichzeitig schlich sich bei mir, Gang für Gang, dieses leise Gefühl ein, das man als Profi nur zu gut kennt: Die Inszenierung trägt weiter als das Produkt selbst.


Das Essen war in Ordnung, aber nicht auf dem Niveau, das die visuelle Dramaturgie und die Preisgestaltung vorher in meinem Kopf aufgebaut hatten. Service und Ablauf waren prima, aber das ideenlose, überteuerte Menu bot nichts Dramatisches, aber genug, um die perfekte Illusion einer lohnenswerten Erlebnisgastronomie bröckeln zu lassen. Und doch...



Haltung ist das halbe Leben.


Während in mir also zwei Ebenen liefen, die private Tochter, die ihrer Mutter einen schönen Abend machen wollte, und die Beraterin, die innerlich eine Fallstudie zum Thema Erwartungsmanagement schrieb, saß meine Mutter neben mir und freute sich schlicht über das Zusammensein.


Irgendwann sagte sie, ganz zufrieden: „Ach, das ist doch nett gemacht.“ Und später, noch wichtiger:

„Schön, dass wir das zusammen machen.“

In diesen Sätzen steckte mehr Wahrheit als in jeder noch so ausgefeilten Projektion. Für sie war der Abend gelungen, weil wir nebeneinandersaßen, Zeit hatten, lachten und uns durch diese kleine Show begleiten ließen, ohne ständig zu prüfen, ob Preis und Leistung eine perfekte Kurve bilden. Und ich merkte, wie wohltuend diese Haltung ist, gerade für jemanden wie mich, die beruflich ständig bewertet, einordnet, optimiert.


Der halbironische Satz des Abends kam natürlich auch, irgendwann zwischen Hauptgang und Dessert: „So jung kommen wir nicht mehr zusammen.“ Wir haben beide gelacht, aber wir wussten auch, dass genau das der Kern ist. Nicht die Perfektion des Konzepts, nicht die Instagram-Tauglichkeit der Bilder, sondern die Tatsache, dass wir uns diesen Abend bewusst genommen haben.


Aus beruflicher Sicht war es ein lehrreicher Reminder: Starke Bilder, gutes Storytelling und eine stimmige Markenwelt können unglaublich viel Vorfreude erzeugen, aber sie erhöhen auch die Fallhöhe. Wenn das eigentliche Produkt nicht ganz mithält, bleibt ein feiner Riss zwischen Erwartung und Realität. Aus persönlicher Sicht war es trotzdem ein guter Abend, weil das, was wirklich zählte, nicht auf dem Teller stattfand, sondern am Tisch.


Wegen uns zwei.


Und vielleicht ist genau das die schönste Pointe dieses Abends: Das Marketing war brillant, das Erlebnis gemischt, aber die Erinnerung ist warm. Nicht wegen des Konzepts, sondern wegen uns zwei.

 

Le Petit Chef: Mehr Marketing als wahres Erlebnis. Aber ist Leben immer nur das, was man daraus macht?
Le Petit Chef: Mehr Marketing als wahres Erlebnis. Aber ist Leben immer nur das, was man daraus macht?

Photos: Susanne Schiffauer


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